Das empfinden Sie als revolutionär

Hinterer Teil des Rhino, 1. Mai 2008

„Diesen Sinn der Maifeier der Arbeitsruhe, fürchten unsere Gegner, das empfinden Sie als revolutionär“ wusste schon 1893 Victor Adler, einer der Begründer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und einer von vielen, der die Gegner 1914 nicht mehr so recht identifizieren konnte oder wollte. Denn im Unterschied zu 1890, das Jahr in dem der Erste Mai in den USA, in Argentinien und in 18 europäischen Ländern mit Streiks und Demonstrationen so erfolgreich das internationale Parkett eroberte, waren bald darauf in den Reihen der Arbeiterschaft auch wieder nationale Töne vorherrschend. Der große Erfolg der Erster-Mai-Demonstration ist dabei einem relativ simplen Umstand geschuldet, den Georg Herwegh schon 1864 beschrieb:

„Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht:
Alle Räder stehen still,
wenn dein starker Arm es will.“

300.000 Arbeiter_innen folgten 1890 in London dem ersten Aufruf der Zweiten Internationale genauso wie fast 40 Prozent der Arbeiterschaft in Kopenhagen und legten die Städte lahm. Wie an vielen anderen Orten der Welt, sorgten sie dafür, dass der Maitag aus einer völlig illegalen und inoffiziellen Bewegung ohne Regierung oder Anführer sich in 107 Staaten etablierte. Der „Generalstreik“ hatte schon damals einen für das heutige Empfinden „historischen Evergreen“ auf die Straße getragen: Der Streik war eine konzertierte Aktion für den 8-Stunden-Tag. Etwas unheimlich denkt man darüber nach, dass heute fast die selbe Forderung noch immer auf dem gewerkschaftlichen Tableau steht. Leider geht es nicht um den 4-Stunden-Tag, was man ja angesichts der Produktivitätssteigerungen erwarten könnte. Eine zweite und vielleicht noch viel wichtigere Nuance des internationalen Streiktages wurde 1890 dann in einer Resolution in Toulouse festgelegt: Der Kampf gegen den Krieg. Die gemeinsame internationale Mobilisierung machte deutlich, was Marx schon viel früher wusste „Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!“ Leider vergas dies die Sozialdemokratie ein paar Jahre später.

Wie allerdings Kuchen und Bier sich über die hundert Jahre hinweg als Sieger entpuppten und wie der Maitag zur Maifeier und schließlich zum Myfest wurde, dafür gibt es sicherlich unterschiedliche Gründe.

Doch einer ist wohl genauso wesentlich wie einleuchtend: Trotz Ritualisierungen und einer Bewegung vom Maistreik zur Maifeier behielt der Tag der Arbeiter_innen seinen politischen Gehalt, solange er im Stande war, gewaltige Massen auf die Straßen zu bringen, solange ihm der Ruch des Inoffiziellen und damit der originäre Charakter „der Selbstaneignung“ als politische Botschaft anhaftete. Diese Botschaft behielt er auch unter einer sozialdemokratischen Regierung in der Weimarer Republik. Unvergessen so der Weddinger Blutmai 1929. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Berlins, Karl Friedrich Zörgiebel, hielt seinerzeit am Demonstrationsverbot fest. Die KPD hingegen rief zur Demonstration auf, die von Seiten der Berliner Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren niedergeschlagen wurde. Zeitweise waren 25.000 Arbeiter_innen auf den Straßen. 1.228 Genoss_innen wurden festgenommen, 198 Zivilisten wurden verletzt, 33 starben. „Zörgiebels Blutmai − das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft − das ist das Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei!“, analysierte die KPD daraufhin historisch eindeutig richtig. Erich Weinert (Text) und Hanns Eisler komponierten hierzu das Lied „Roter Wedding grüßt Euch Genossen

„Links, Links, Links, Links…
die Arbeiterklasse marschiert.
Wir fragen Euch nicht nach Verband und Partei
Seid ihr nur ehrlich im Kampf mit dabei
gegen Unrecht und Reaktion.“

Viel geschickter hingegen begegneten die Nationalsozialisten dem jährlichen Aufstand. Gleich 1933 machten Sie den 1. Mai per Reichsgesetz zum gesetzlichen Feiertag und stürmten einen Tag danach dann die Gewerkschaftshäuser und verboten die Gewerkschaften. Damit wurde den jährlichen Maifeiern der politische Gehalt entzogen: Streik. Die Sache der Arbeiterschaft war plötzlich zur Sache des Staates geworden und dabei blieb es dann auch nach der Niederschlagung des Faschismus. Denn sowohl in der DDR als auch in der BRD hatte niemand mehr Lust auf „unnötige Aufstände“. Und so kam es wie es kommen musste, oder wie eine italienische Genossin 1980 in Erinnerung an ihren fahnenschwingenden ersten Ersten Mai 1920 formulierte: „Heutzutage sind alle, die zur Arbeit gehen, Damen und Herren, die alles bekommen, was sie verlangen.“ (aus Hobsbawm: Ungewöhnliche Menschen).

Zu „Damen und Herren“ sind sie dann vor Allem auch auf Gewerkschaftsebene wohl alle geworden, wie eben auch Norbert Hansen, transnet-Vorsitzender, Mehdorn-Freund und Privatisierungsbefürworter der Deutschen Bahn. Nach kurzer Ausbildung zum Bahnassistenten ist er nun seit gut 30 Jahren Gewerkschaftsfunktionär. Da kennt man sich halt unter den „Herren“. Eigentlich macht es da wenig Unterschied, ob Herr Mehdorn persönlich die Gewerkschaftsrede zum Ersten Mai schwingt. Kritisieren wird Freund Norbert weder die 3 Mio. € Jahressalär eines Herrn Mehdorn noch die unglaubliche Geschichte rund um den Zug der Erinnerung noch die Teilprivatisierung der Bahn.
Da kann Mensch nur noch zum Pfeifen und Eierwerfen zum DGB
.

Da stellt dann schon eher das Steineschmeißen des abgehängten Jugendprekariats in Kreuzberg eine politische Aktion dar, auch wenn diese Interpretation die gebildete Mittelschicht mitsamt ihrer Deutungshoheit nicht zulässt. Denn hier kann eingestimmt werden in das Lied von eene meene muh und raus bist du. Da zieht auch das DGB-Motto „Gute Arbeit muss drin sein“ schon lange nicht mehr. Denn die Hauptfrage, für wen das noch drin sein muss, stellt der DGB schon lange nicht mehr. Für die Näher_innen in Bangladesch, für die Kreuzberger Hauptschüler_innen, für die derzeit Beschäftigten oder Nichtbeschäftigen oder für Norbert Hansen. Umso mehr bleibt für Norbert in seinem neuen multinationalen und teilprivatisierten Konzern.

Doch Widersprüchlichkeiten bleiben, bleiben vor Allem auch in Kreuzberg mit mehr als 60 Prozent Transferempfänger_innen und mit seinem beschleunigten Stadtumbau der Verdrängung nach global Art. Der Kampftag gegen Unterdrückung und Ausbeutung hat hier sein exemplarisches Gegenbild in der privatisierten Stadt namens „MediaSpree“. Und so lange der Kapitalismus seine notwendigen Verwerfungen immanent produziert, wird es daher auch weiterhin heißen: „Heraus zum Revolutionären Ersten Mai“. Nicht als Feiertag sondern als praktische Intervention, allein für den Gedanken eines menschenwürdigen Lebens. Damit stellt er auch immer einen Angriff gegen Myfest und andere staats- und konsumtreuen Erfindungen der Damen und Herren dar. Denn die schicken mal schnell für sich das abgehängte Hartz-IV-Prekariat zur „praktischen Aufstandsbekämpfung“ zum Flaschensammeln nach Kreuzberg. Bezahlt wird dann auch ausnahmsweise übertariflich – der Aufstandsbekämpfungsbonus. Doch irgendwann wird auch das mal durchschaut und es heißt dann wirklich mal: Flasche leer.

Mai sei für alle:

Klingt nicht wie Legende,
daß gegen die ersten Mai-Demonstranten
Polizei eingesetzt wurde….?….
Vieles ist anders, weniges besser geworden.

Alexander von Cube (1958)

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