Faszinosum der Traumzeit entsorgt

Ostprinzessin, 1. August 2010

Berlin: Das traumlose Zeitalter des kulturellen Verfalls fordert ein weiteres Opfer. Während in der Hauptstadt nahezu sämtliche faszinierenden Kulturprojekte der letzten Jahrzehnte ihrer politisch gewollten Auslöschung harren, ereilt uns eine weitere traurige Nachricht. An der Hasenheide in Kreuzberg wird derzeit der Club Cheetah aus den 60er Jahren entsorgt. Ende der 60er wurde er im Raumschiff-Enterprise-Stil in die Räume eines ehemaligen Großkinos hineingebaut und verfügt über 22 sogenannte Inseln, die sich über mehrere Ebenen und eine Galerie erstrecken. Die Eilande sind über Brücken und Treppen miteinander verbunden. Disco und Gastraum verbindet ein Tunnel.  Zwei Röhren führen vom Eingang hinein in die größte Disco ihrer Zeit. Acht Tanzflächen warteten auf tanzwütiges Publikum, das in den besten Zeiten des Clubs in bis zu hundert Meter langen Warteschlangen auf Einlass hoffte, um dann Highlights wie die fahrbare DJ-Kugel zu bestaunen.

Der ehemalige Besitzer hatte sich im Betrieb und mit dem Einbau einer Saunaanlage im Keller des Hauses verhoben. Neue Besitzerin wurde ein Kreuzberger Unternehmen (Taekker: Immobilien im zentralen Berlin) mit Sitz in Dänemark, welches das Gebäude in einer Zwangsversteigerung erwarb.

Vor einiger Zeit noch wurde der Club zur Miete angeboten. Im Jerry-Cotton-Film Todesschüsse am Broadway zeigt sich das Cheetah noch von seiner lebendigsten Seite. Da jedoch weder potente Kulturinteressierte noch Senat oder Bezirk das ob seiner Technik, Architektur und kulturellen Bedeutung einmalige, schützenswerte Kleinod der 60er erhalten wollen, ereilt den Hydraulik- und Designtraum nun das – durchaus abwendbare – Schicksal des Großen Saals im Palast der Republik, welcher über weltweit einzigartige Technik und Installationen verfügte und dennoch dem langweiligen Einerlei gleich gemacht wurde. Luftschloss lässt grüßen.

Danke, rot-roter Berliner Senat, danke, grün-rotes Bezirksamt, danke, o Du totale Verwertungslogik!

Ostprinzessin

7 Reaktionen zu “Faszinosum der Traumzeit entsorgt”

  1. torsten

    tja schade um den schönen laden der war einfach klasse also ich kenne ihn seit er sektor hies aber bei dem umbau damals zur joe hasenheide 13 arbeitete ich da als dj aber das ging nich lange gut mit der joe hasenheide 13 ein neuer name muss her und zack war der pleasure dome da und ich immernoch als dj is schon schade das alles da raus is und es is traurig (ich hab da die letzte platte aufgelegt)

  2. Hartmut

    Dieses Teil war zwar aus den 1960ern aber wirkte hochmodern. Es war futuritische Higtech-Architektur vom feinsten wie wir sie vom Potzdamer Platz insbesondere vom Sony-Center kennen. Optimal für moderne Trance-Musik. Ich denke fast, das war zu nobel für Berlin, Großraum-Dicos/Clubs liefen hier ja nie gut im Vergleich zu so mancher Kleinstadt, vor allem aber muss wenn es in Berlin groß sein soll eine unrenovierte Industrie-Halle sein. Dieses Teil war ein absolut schicker Hightech-Tempel mit nahezu allen Schikanen inclusiver ausfahrbarer Bodenklappe unter der Bühne und natürlich Lasershow.
    Sicher bin ich nicht immer der Meinung diesser Webseite, da eben der Neubau Berlins nach dem Krieg die alte Stadtstruktur zerstört hat und zur Wiederherstellung innenstädtische Strukturen der eine oder ander Abriss nötig ist, aber das hier war überflüssig. Joe soll damsl 6-Millionen DM reingesteckt haben. Die Architektur mit den Ebenenen und „Tellern“ und den Querbalken war m.E. einzigartig und hätte unter Denkmalsschutz gehört.
    Gibt es noch Bilder und Videos? Gibt es Architekturpläne? Wäre ich Millionär und hätte vor ene neue Großraumdisko zu bauen würde ich diesen Teil als Vorbild nehmen.
    Ein Vide habe ich gefunden, es ist das Musikvideo von „Music-Instruktor“ „Super-Sonic“. Das sieht man aber nur einen Teil.

  3. dj deltabeat

    hallo hartmut ich hab da nich nur als dj gearbeitet auch wenn es pleasure dome hiess es war ein joe laden, der laden hat damals was den umbau anging 12 mio dm gekostet weil europas gröste laser anlage und lischt anlage selbst die sound anlage wurde aus amerika eingeflogen (3 MIO)es war ein geiler laden am falschen platz einfach.

  4. Tie

    Schade! 1987 waren wir mit der Schule auf Abschlußfahrt und damals auch im Sektor.

  5. Hartmut

    12-Millionen ist mir neu, es wurde damals von 6-Millionen geredet. Also, auf Ibiza sind einige Clubs deutlich grösser, gegen das Privilige war der Pleasure-Dome geradezu winzig, aber es ist auch viel primitiver ( ich war 1998 mal da ) in Sound und auch Lichttechnik, lange nicht so nobel und phantasievoll! Das es immer noch Jo war wusste ich. es wurden sicher auch Marketing-Fehler gemacht, Als ich in den 1990ern Teeager war habe ich von dem Teil noch nie gehört, das keine ( zumindet von dem oberen Saal ) und viel einfachere „Metropol“ war viel bekannter.
    Ibiza-Preise bräuchte man sicher um so einen teuren Disco-Tempel zu betreiben. Da sind Preise zwischen 35 und 50 Euro für den Eintritt ( im Vorverkauf ) und 8 Euro für ein einfaches Getränk normal. Jetzt ist „Kreuz-Kölln“ doch Szene-Gegend, aber die Szene mag es lieber billig und alternativ. Heute hätte man mit youtube gute Werbe-Möglichkeiten für den „besten Großraum-Club“ der Welt. Das ist etwas besonderes und für Musikal etc. geben die Leute auch ca. 100 Euro den Abend aus. Auf Ibiza geht das auch.
    Zu youtube : „Super Sonic“ von „Musik Instructor“ wurde dort gedreht:

    https://www.youtube.com/watch?v=h3ySBAcIoxo

    Hier ein Karakoe-Video:

    https://www.youtube.com/watch?v=HAo2cK07_oE

    Auf der Webseite von dj-laku.de gibt es Bilder davon, Party-Bilder leider nur Flash und in niedriger Auflösung.
    Klar kommt der Laden aus der „Traumzeit“, ich bin alles andere als leicht zu beeindrucken, aber von dem Teil träume ich heute noch ganz ehrlich ( habe erst letzte Nacht davon geträumt).
    Es war auch etwas die falche Zeit. Harter Techno passt dort nicht, aber Trance passt super dort rein.

  6. Reinhard

    Hallo an alle Retrofreunde,
    ich war damals 1969 anlässlich einer Klassenfahrt nach Berlin im Cheetah, unter anderem hatten wir die angesagtesteten Discos dieser Zeit in Berlin besucht: Big Apple, River Pool oder Szene Location wie Backstube, Meisengeige nicht zu vergessen Leydecke. Man verzeihe mir die unvollständige Aufzählung. Das Cheetah war zu dieser Zeit absolut top, sollte meine Stammdisco werden, falls es mich nach Berlin verschlägt. Als es dann soweit war… 1971, war ich noch einmal dort und war enttäuscht vom allgemeinem Zustand, Brandlöcher im Teppich, das Plexiglas schmierig und unansehnlich, also merklich heruntergekommenen, Sehr schade….
    bin nie wieder dort gewesen.

  7. Thomas

    Ich habe als Student in den Jahren 1976/77 dort als Aushilfskellner gearbeitet und ich meine, neben dem im Wiki (http://www.rockinberlin.de/index.php?title=Cheetah) erwähnten Suzie Quatro Konzert auch Fats Domino dort gesehen zu haben. Bin kommendes WE zum erstem Mal seit dieser Zeit wieder in Berlin und werde mir die Reste des Stahlröhren in der Hasenheide 13 einmal ansehen. -thomas

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