2. Mai: Hurra, ich lebe noch

Ostprinzessin, 2. Mai 2011

Nachdem ich gestern den Schleier gelüftet, die rosarote Brille abgesetzt und meinem Staat ganz tief ins polizeiliche Auge gesehen hatte, da war ich plötzlich richtig verliebt – verliebt in den Gedanken, ohne ihn zu leben. Weitere Konsequenzen: Ich benötigte dringend einen Zauberstab, zwei Wasserwerfer und mindestens drei Wochen Kur. Eigentlich.

Für die ganz gewiss notwendigste Angstsituation meines bisherigen Daseins habe ich den paramilitärischen Einheiten unseres ach wunderschönen, aber seit jeher hässlich interpretierten Landes meinen tiefsten Dank auszusprechen. Denn Angst löst bei mir Schrei(b)blockaden. Ha ha, kleiner Scherz.

Plötzlich eingepfercht – vorne zu, hinten zu, Seiten zu, viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum – und von in Panik vor gepanzerter Gewalt und Gas fliehenden Hunderten an eine Hausfassade gedrängt zu werden, ist ein kollektives Vergnügen der Extraklasse, das sowohl einem beginnenden Wonnemonat als auch wirklich jeder Prä-, Post- und sonstigen Demokratie anno 2011 vollkommen angemessen und verhältnismäßig erscheint. Dann von kraftstrotzenden Robocops noch etwas fester mit den bislang ahnungslosen Anderen zusammengepresst zu werden – Atmen, by the way, wurde zur Glückssache -, überstieg selbst die Erwartungen der mitgefangenen Veteraninnen und Hartgesottenen; und das ist auch gut so, denn wer ist nicht gern mal überrascht!

Panisch aus der Menge gekämpft, so umsichtig wie möglich und so zupackend wie nötig, schließlich an Kesselrand und Polizeisperre angekommen, schallt es mir entgegen: „Vorne raus!“ Immerhin, die Staatsmacht hat Humor. Da hilft nur eins: Sich Flügel wachsen lassen. Syrien ist näher als man denkt.

Ostprinzessin

Was ein Buhei: Ganz Berlin liebt den Kapitalismus, liebt die Polizei.

 

 

Eine Reaktion zu “2. Mai: Hurra, ich lebe noch”

  1. O-BUREAU

    „Ganz Berlin hasst die Polizei“ haben die sich mittlerweile wohl selbst zum Wahlspruch gemacht und ziehen daher einfach marodierend durch Menschenansammlungen, weil dann trifft es ja immer die Richtigen… und seien es die eigenen Leute…

    http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/polizisten-verletzen-zivilbeamte

Einen Kommentar schreiben